| Aus verschiedenen Gründen (die
hier nicht weiter behandelt werden) wurde die Rückführung
der in Brest liegenden großen Einheiten Gneisenau, Scharnhorst
und Prinz Eugen durch den englischen Kanal nach Deutschland befohlen.
Nach gründlichen Vorbereitungen aller beteiligten Wehrmachtsteilen
(also hauptsächlich der Marine und Luftwaffe) wurde das Auslaufen
für den 11. Februar, 20.30 Uhr, festgelegt. Als die Schlepper
beginnen das Flaggschiff, die Scharnhorst, von der Pier abzuziehen,
gibt es Fliegeralarm. Die Schiffe machen wieder fest. Der Auslaufbefehl
besagt, dass bei mehr als zwei Stunden Verspätung das Inseegehen
auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden muss, da man
bei einer Verspätung bei Dover einen ungünstigen Gezeitenstrom
vorfindet. Die Entwarnung kommt rechtzeitig, so dass die Schiffe
um 23.00 Uhr aus Brest auslaufen können, und zwar in der Reihenfolge
Scharnhorst (Kapitän zS K. C. Hoffmann) mit dem BdS Vizeadmiral
Ciliax an Bord, Gneisenau (Kapitän zS Fein) und Prinz Eugen
(Kapitän zS Brinkmann), anschließend folgen die fünf
Zerstörer, die in freier See auf ihre vorgesehenen Sicherungsplätze
ausscheren. 01.12 Uhr wird die Insel Ouessant passiert.
Die Schiffe werden die Dover-Enge bei helllichtem Tage passieren.
Vom Morgengrauen an soll ein laufender Schutz durch deutsche Jäger
und durch Torpedoboote und Schnellboote erfolgen. Um 08.37 Uhr beginnt
die Morgendämmerung, und 10 Minuten später erscheint über
dem Verband der erste Jagdschutz, zunächst zweimotorige "Me
110" mit zwei Mann Besatzung, die sich als Nachtjäger
für die Dämmerung besser eignet als die einmotorigen und
einsitzigen Jäger "Me 109". Es werden weder feindliche
Flugzeuge noch Schiffe gesichtet. Nur die eigenen Jäger, inzwischen
die "Me 109", die fünfzehn Minuten über dem
Verband kreisen und zehn Minuten bei uns bleiben, bis die Ablösung
kommt. So bleiben stets 16 und während der Ablösung 32
Jäger beim Verband. Sie haben Anweisung, zunächst nur
tief zu fliegen, damit gegnerische Radargeräte sie möglichst
nicht orten und dadurch den Verband verraten.
Der Verband passiert die Steilküste ostwärts der Seine-Mündung.
Um 10.15 Uhr stoßen die Boote der 2. und 3. T-Flottille aus
Le Havre und Dünkirchen zum Verband, und ab 11.00 Uhr stehen
zehn Boote der 4. Schnellbootflottille als Flankensicherung feindwärts.
Die 5. T-Flottille mit den alten Booten der Möwe- und Jaguar-Klasse,
aus Vlissingen kommend, stößt um 13.26 Uhr zu dem Verband,
als er gerade die erste Feindberührung hatte hat. Die engste
Stelle des Kanals, zwischen Dover und Calais, wird um 12.56 Uhr
passiert, und erst 35 Minuten später werden die ersten Gegnermaßnahmen
deutlich. An Bb hört und sieht man Aufschläge von Granaten
einer Landbatterie. Sie, die von einer 23,4-cm-Batterie bei Dover
kommen, erreichen die sich schnell aus dem Zielbereich der Batterie
entfernenden Schiffe nicht mehr. Die Granaten der Landbatterie sind
das erste Zeichen, dass die Briten den Durchbruchversuch entdeckt
hat.
Ab 13.32 Uhr greifen insgesamt sechs Torpedoflugzeuge vom Typ
"Swordfish" an, keiner der abgeschossenen Torpedos traf.
Etwa gleichzeitig greifen britische Torpedo-Motorboote aus Dover
an. Sie versuchen, die großen Schiffe durch die deutschen
Sicherungskräfte hindurch auf brauchbare Entfernung zu erreichen.
Sie müssen ihre Aale aber frühzeitig abfeuern, da das
Abwehrfeuer zu stark ist, und drehen ab, ohne ein Ziel getroffen
zu haben. Die in Harwich stationierten Torpedoboote waren vormittags
bereits zu Übungen in See, als sie die Nachricht erhielten,
die Deutschen seien bereits durch die Dover-Enge hindurch. Da sie
hohe Geschwindigkeiten laufen, müssen sie über ein vor
längerer Zeit von den Deutschen gelegtes Minenfeld fahren,
um abzukürzen und noch rechtzeitig ihre Torpedos an den Gegner
anzubringen. Auf der Gneisenau kommt eines dieser Schiffe auf größere
Entfernung in Sicht, mit etwa gleichem Kurs mitlaufend. Da der Wind
auf etwa WSW 7 bis 8 aufgefrischt hat und der Fahrtwind bei nordöstlichen
Kursen und hoher Fahrt gerade entgegengesetzt ist, heben sich der
wahre und der Fahrtwind nahezu auf, so dass der beim Abschuss der
Geschütze entstandene Qualm lange Zeit vor dem Schiff stehen
bleibt. Aufgrund dieser Behinderung, schießt der l. AO nur
mit dem Turm Cäsar auf das Torpedoboot. Nachdem sich der Pulverqualm
dieser drei Schüsse verzogen hat, ist von dem Schiff nichts
mehr zu sehen. Da eindeutig kein feindliches Torpedoboot während
dieses Gefechts verlorengegangen ist, bleibt nur übrig, dass
das Boot nach Verschießen seiner Torpedos wieder abdrehte
und dadurch außer Sicht kam.
Unmittelbar vor dem Torpedobootangriff ertönt auf der Scharnhorst,
dem vorn fahrenden Flaggschiff, ein lauter Knall. Gleichzeitig sieht
man starke Dampf- und Qualmwolken dem Schornstein entströmen.
Das Schiff läuft ohne Eigenbewegung aus und bleibt liegen:
Detonation einer Grundmine unter dem Schiff. Befehlsgemäß
übernimmt der Kommandant der Gneisenau die weitere Führung
des Verbandes und geht mit einer Kursänderung an dem havarierten
Flaggschiff vorbei. Vier Torpedoboote bleiben bei der Scharnhorst.
Wie in seinem Befehl für den Kanalmarsch festgelegt, geht der
Zerstörer Z 29 längsseit von der Scharnhorst, um den Befehlshaber,
Admiral Ciliax, mit seinem Stabe zu übernehmen.
Während der folgenden beiden Stunden gibt es immer wieder
einzelne Angriffe durch Torpedoflugzeuge Typs Beaufort. Da die Wolkendecke
niedrig ist, finden viele Feindflugzeuge den Verband nicht.
Gegen 19.10 Uhr beginnt die Abenddämmerung. Den Jagdschutz
übernehmen bis zur völligen Dunkelheit die Nachtjäger,
die "Me 110"; Luftangriffe durch Bomben oder Torpedos
bleiben aber aus.
Als die Dunkelheit bereits einsetzt, läuft die Gneisenau auf
eine Mine. Durch die Erschütterung fallen alle Sicherungen
heraus. Das Schiff hat zunächst keinen Strom. Waffen und Maschinen
fallen für kurze Zeit aus. Nach einer Viertelstunde ist die
Gneisenau wieder auf dem Weitermarsch, ohne sichtbare Schäden.
Die Scharnhorst erhält später einen zweiten Minentreffer,
der den Einbruch von 1000 t Wasser verursacht. Das Schiff läuft
aber dennoch mit eigener Kraft weiter. Es hat inzwischen einen Kutter
überholt, mit dem der BdS mit Stab vom Zerstörer Z 29
auf den Zerstörer Hermann Schoemann übersteigt, da Z 29
durch einen Rohrkrepierer bei Schnellbootsabwehr durch Splitter
Ausfälle in der Maschinenanlage hat. Der Verband hat sich inzwischen
aufgelöst, da ein Formationshalten bei den wechselnden Gefechtslagen
und den Abwehrbewegungen der einzelnen Schiffe und Boote und der
ständigen Höchstfahrt nicht möglich ist.
Mit dem Hellwerden am 13. Februar ist der Verlegungsbefehl ausgeführt.
Gneisenau und Prinz Eugen gehen um 03.44 Uhr vor der Elbmündung
vor Anker, die Scharnhorst marschiert nach Wilhelmshaven, die Zerstörer
nehmen Kurs auf Wesermünde und die Torpedo- und Schnellboote
zunächst auf Helgoland. Die drei großen Schiffe sind
(abgesehen von unbedeutenden Schäden durch die Minentreffer)
unbeschädigt und haben keine Personalverluste. Die Sicherungsstreitkräfte
verloren ein Minensuchboot bei den Vorbereitungen und ein Markboot
während der Unternehmung. |