|
Die kleineren Schäden, die Tirpitz bei den Luftangriffen der
Royal Navy in der ersten Septemberhälfte erhalten hatte, wurden
schnell repariert, und für den 16. September bereitete sie
sich erneut für die endliche Durchführung der vollen See-Erprobung
vor. Seit dem Angriff des RAF-Bomberkommandos auf Tirpitz, im April
1942, hatte die Hauptaufgabe der RAF auf dem Gebiet der Aufklärung
und Unterstützung der Schiffahrt gelegen, strategisch auf dem
Gebiet der Überwachung des Schiffsverkehrs und des Wechselns
der Liegeplätze. Nachdem der Versuch der Royal Navy im August
1944 fehlgeschlagen war, große Schäden zu erzielen, ersuchte
die britische Admiralität das Luftfahrtministerium um schwere
Bomber und Bomben.
Anfang September wurde ein Übereinkommen erzielt und die 5.
Gruppe des Bomberkommandos beauftragt, einen Angriff zu planen und
durchzuführen. Ein Eliteverband, spezialisiert auf die Bombardierung
besonderer und bedeutender Ziele, wurde ausersehen, diesen Angriff
zu führen. Das war die 617. Staffel, allgemein bekannt als
die "Dam Busters" (Dammbrecher) - nach ihrem erfolgreichen
Einsatz, der Zerstörung der Möhnetal- und Edertalsperre
im Mai 1943. Einmal, 1943, hatte man erwogen, eine verbesserte Version
der "Dam Buster"-Bombe gegen Tirpitz einzusetzen. Aber
das Gelände des sie umgebenden Kaafjordes verhinderte einen
tiefliegenden Anflug, der für den Einsatz dieser Waffe erforderlich
war. Seit Juni 1944 allerdings hatten die mit Avro Lancaster I S
ausgerüsteten Staffeln eine 5454 kg-Bombe mittlerer Sprengkraft
erhalten, die eine große Durchschlagskraft besaß, wenn
sie auf kompakte oder normale Ziele traf. Man nahm an, daß
sie dicke Panzerplatten durchdringen würde, ohne viel an Wucht
durch die Verformung der relativ leichten Hülle zu verlieren.
Die 2318 kg-Torpexladung würde katastrophale Schäden hervorrufen,
falls sie im Schiff detonierte, und der Mineneffekt bei einem Nahtreffer
von 15 m Abstand würde bemerkenswert sein. Ein wesentlicher
Punkt des Bombenabwurfsystems der Lancaster war der Einbau eines
stabilisierten und automatischen Bombenzielgerätes, das eine
Art "Lead computing"-gyroscope (Leitrechner/Geradelaufapparat)
war, zur Feststellung von Flughöhe und -geschwindigkeit, Windgeschwindigkeit,
Lufttemperatur und -druck sowie der Bombenflugbahn. Die 617. Staffel
war die einzige Einheit, die im Herbst 1944 mit diesem Gerät
operierte. Um den Verband zu verstärken, wurde eine Staffel,
die mit dem Mk XIV-Bombenvisier ausgerüstet war, die 9. Staffel,
zusätzlich abgestellt. Wie die 617. Staffel war auch die 9.
mit Lancaster 1 S ausgerüstet. Diese Flugzeuge waren mit besonderen
Bombenbuchten ausgerüstet, die erstmalig 1943 zur Aufnahme
der 5454 kg-Luftminen eingeführt wurden. Die 617. und 9. Staffel
verließen die Flugplätze von Woodhall Spa und Bardney
am 10. September und ergänzten ihren Treibstoff in Lossiemouth.
Sie landeten schließlich in Jagodnik, 20 Meilen von Archangelsk
und 600 Meilen von der Tirpitz entfernt. Der Treibstoff reichte
gerade für den großen Bogen über Norwegen und Nordschweden.
Ohne die Hilfe der Russen wäre die Entfernung für die
Lancaster zu groß gewesen. 18 Flugzeuge jeder Staffel verließen
Lossiemouth, aber auf Grund der Abweichungen des Magnetfeldes der
Erde (Mißweisung) und der Auswirkungen auf den Kompaß
sowie in Unkenntnis der genauen Flugroute erreichten nur 23 Lancaster
ihr Ziel in Jagodnik in der Dämmerung des 11. September. Eine
davon wurde beim Überfliegen Finnlands von Flak beschädigt,
sieben weitere trafen im Laufe des Tages von verschiedenen umliegenden
Flugplätzen und Feldern ein. Aber vier Flugzeuge der 9. Staffel
und zwei der 617. Staffel mußten dort gelassen werden, wo
sie notgelandet waren. Bis zum 15. September verhinderte schlechtes
Wetter jeden Einsatz, aber kurz nach der Dämmerung dieses Tages
starteten 27 Lancaster. 21 waren mit 5454 kgBomben mittlerer Sprengkraft
ausgerüstet, die übrigen mit zwölf 181,8 kg-JW 11-Schwimmbomben,
die für den Abwurf ins Wasser vorgesehen waren, um dicht am
Ziel und unter dem ungeschützten Schiffsboden zu detonieren.
Geführt vom Staffelkapitän der 617. Staffel, Wing Commander
J. B. Tait, DSO, DFC, erreichten die Lancaster den Kaafjord von
Südosten. Sie gingen langsam von 4850 m auf 3500 m herunter,
der Anflug begann 30 Meilen vor dem Ziel.
Die Tirpitz war rechtzeitig gewarnt vor dem Angriff, und als die
ersten Flugzeuge ihre Bomben warfen, war sie vollständig von
Nebel eingehüllt. Die Lancaster kamen in sechs Gruppen und
schlossen kurz vor dem Anflug zusammen zur dichten Formation. So
waren sie in der Lage, einen dichten Bombenteppich zu legen. Nur
der ersten Gruppe gelang es, eine Zielmarkierung für die stabilisierten
automatischen Bombenvisiere zu finden, aber mit einer solchen Genauigkeit,
daß eine Bombe die Tirpitz traf. Die Bomben der begleitenden
Flugzeuge gabelten sie förmlich ein. Die nachfolgenden Gruppen
verfehlten das Ziel bis zu einer Meile, eine der Bomben fiel 1500
m südlich nieder.
Die Bombe, die getroffen hatte, schlug vorne ein, direkt vor den
Kettenstoppern. Sie durchschlug die Bordwand und detonierte in Höhe
des Kiels, dicht am Schiff, etwa 10,6 m hinter dem Vorsteven. Im
Stb-Bug entstand ein großes Loch, 9,7 m breit und 14,6 m lang.
Die Schiffsstruktur unterhalb des Panzerdecks wurde bis zum 36 m
entfernt liegenden Panzerquerschott zerstört. Sowohl das Panzerdeck
als auch die darüberliegenden Decks wurden nach oben gedrückt,
ersteres um etwa 1 m. Der beschädigte Bereich wurde völlig
geflutet, der Tiefgang vorne wuchs um 2,4 m. Die achteren Seitenabteilungen
wurden geflutet und Heizöl nach hinten gepumpt. Man versuchte
den vorderen Trimm auszugleichen. Schließlich hatte Tirpitz
1500 ts Wasser im Bauch. Nahtreffer riefen keinen Wassereinbruch
hervor, aber die Erschütterungen und das Schaukeln beschädigte
die Antriebsmaschinen, die acht Tage unklar blieben. Viele optische
Feuerleitinstrumente waren durch die Erschütterung zerbrochen
und, unter anderen Schäden, die Funkantennen von den Masten
gerissen. Die Besatzung befand sich auf Gefechtsstation, so daß
die Verluste gering waren. Nur fünf Soldaten wurden verletzt.
Alle 36 Rohre der drei Hauptbatterien der Tirpitz - 38 cm, 15 cm
und 10,5 cm - sowie 98 Geschütze an Land hatten ein gewaltiges
Sperrfeuer vor die Lancaster gelegt. Aber alle 27 Bomber kehrten
nach Jagodnik zurück.
Bis zum 20. September war keine Bildaufklärung über dem
Kaafjord möglich, dann machten ,Mosquitos` der 540. Staffel
die ersten Fotos der Tirpitz. Das Schlachtschiff selbst lag im Schatten,
aber die Aufnahmen machten den Schadensumfang im Bereich des Vorschiffes
deutlich. Dieser wurde später durch Agentenmeldungen bestätigt,
die jedoch auch keinen Überblick über den Umfang der Beschädigungen
ergaben.
Nach Besichtigung des Vorschiffes kamen die Ingenieure der Tirpitz
zu dem Schluß, daß es neun Monate dauern würde,
einen neuen Bug zu fertigen. Voraussetzung dafür war aber,
daß die Arbeiten ohne Unterbrechungen durchgeführt werden
konnten. In der Zwischenzeit war das Schiff nicht fahrbereit bzw.
seefähig, obwohl die Bewaffnung einsatzbereit war und die Maschinenreparaturen
schnell beendet waren. Bei einer Besprechung in Deutschland am 23.
September kamen Dönitz und die SKL zu der Feststellung, daß
die Reparatur nicht möglich war, aber daß die Waffen
einen hohen Verteidigungswert hätten. Im Lyngenfjord wurde
eine Verteidigungslinie vorbereitet, die nach Westen bis Tromsö
reichte. Vor der Insel Haakoy wurde ein Ankerplatz gefunden, der
etwa 3 Meilen westlich vom Stadtzentrum Tromsö lag. Eine flüchtige
Besichtigung des Ankerplatzes ergab, daß an dieser Stelle
weniger als 1,2 m Wasser unter dem Kiel des Schlachtschiffes sein
würde und der Boden über dem felsigen Untergrund aus etwa
1 m Sand bestand. Tirpitz verließ den Kaafjord am 15. Oktober
und erreichte den neuen Liegeplatz am folgenden Tage. Das beschädigte
Vorschiff, insbesondere der Bug, war durch Stringer abgestützt
und versteift worden, die quer vor das Loch an der StbSeite verschweißt
waren und dieses abdichteten. Dazwischen saßen Abdichtplatten.
Der beschädigte Bug ließ eine Geschwindigkeit von höchstens
10 kn zu, und starke Schlepper standen bereit, um beim Manövrieren
zu helfen. Der Bug hielt stand, die Schlepper wurden nicht benötigt.
Für die Sicherung wurde jedes verfügbare Kriegsschiff
in den nordnorwegischen Gewässern abgestellt, denn die geringe
Geschwindigkeit und die schwache Manövrierfähigkeit der
Tirpitz waren ein leichtes Ziel für Luft- und Ubootangriffe.
Ihre Verlegung wurde zwar von der britischen Luftaufklärung
erkannt, aber der Grund dafür wurde nicht ganz klar, denn es
befanden sich keine Geleitzüge in See. Trotzdem schickte die
Admiralität als Vorsichtsmaßnahme am 16. Oktober den
neuen Flottenträger Implacable in See. Der befand sich zu der
Zeit noch in der Einzelausbildung in Scapa Flow und hatte 21 Barracudas
des 2. TBR-Geschwaders (828. und 841. Staffel) sowie 11 Fireflies
der 1771. Staffel an Bord. Im Laufe des Vormittags des 18. Oktober
starteten die Fireflies etwa 120 Meilen nach Westen, um in Richtung
auf Tromsö nach dem Schlachtschiff zu suchen. Beim Überfliegen
der Küste wurden vier Jäger abgeordnet, um den Flugplatz
bei Bardufoss und einen Seefliegerhorst bei Sorveisen anzugreifen.
Die anderen fanden weiter nichts, aber sie sichteten die Tirpitz.
Es wurden Aufnahmen gemacht, nicht nur von der Tirpitz, sondern
auch von der ganzen Umgebung. Das war für spätere Angriffe
von großem Wert. Der Kommandant der Implacable, Captain L.
D. Mackintosh, DSO, meldete die Position der Tirpitz an den CinC
der Home Fleet und ersuchte gleichzeitig um die Erlaubnis, einen
Barracuda-Angriff zu starten. Zur großen Enttäuschung
der Besatzung wurde das verboten. Die Flugzeugstaffeln der Implacable
waren noch nicht voll ausgebildet, als sie auslief, und die einzigen
Jäger, die verfügbar waren für die Höhensicherung,
Flakbekämpfung und Abwehr am Träger selbst, waren die
11 Fireflies. Wegen der deutschen Jäger in Bardufoss war es
ein zu großes Risiko für die Barracudas und den relativ
schwachen Begleitschutz.
Die Aufnahmen der 1771. Staffel waren nicht die einzigen, die
die Admiralität erreichten. Nicht lange, nachdem die Fireflies
Haakoy überflogen hatten, waren eine Mosquito der 540. Staffel
von Leuchars her angeflogen und hatte eine Reihe ausgezeichneter
Fotos aus großer Höhe geschossen. Die Hin- und Herflüge
der alliierten Angreifer - von Schottland aus - offenbarten den
ersten der beiden Hauptnachteile des Ankerplatzes bei Haakoy. Das
Schlachtschiff lag im Wirkungsbereich der RAF-Basen im britischen
Mutterland. Der zweite Nachteil war, daß die Berichte der
Prüfer, die eine genaue Beschreibung der Art des Ankerplatzes
anfertigten, falsch waren - sie hatten sich geirrt. Die minimale
Tiefe unterhalb des Torpedonetzes war 17 m, nicht 12 m, und der
Boden bestand aus Sand, der auf weichem Schlick lag und war nicht
felsig. Der Schlick wurde allerdings erst Ende Oktober entdeckt.
Die Lage des Schiffes hätte natürlich verändert werden
können, aber das hätte zur Folge gehabt, daß die
wichtigsten Bestreichungswinkel für die Flak entfallen wären,
um von See her Tromsö anfliegende Flugzeuge wirkungsvoll abzuwehren.
Stattdessen wurde beschlossen, den Boden um das Schiff herum aufzufüllen.
Damit sollte die Wassertiefe reduziert werden. Das war eine Maßnahme,
die mehr als 28300 Kubikmeter Schutt und Schlacke erforderte, die
herangeschaft bzw. durch Bagger gefördert werden mußten.
Bevor dieser Plan zur Ausführung kam, griffen die 617. und
9. Staffel erneut an.
|