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Focus-Bericht Tirpitz 2004 (Basistext), erstellt von Karl-Hubert Zeun

Es ist der 12. Novemer 1944, etwa 7.30 Uhr, als in der Gegend um die nordnorwegische Hafenstadt Tromsö Fliegeralarm ausgelöst wird. Minuten später donnert die deutsche Artillerie los. Ziel der einfliegenden 36 britischen Langstreckenbomber vom Typ "Lancaster" ist die "Tirpitz", das größte und zugleich letzte einsatzfähige deutsche Schlachtschiff. Mit allen Kalibern wehrt sich der 53.000-Tonnen-Koloß gegen den erneuten Angriff. Daß dies der letzte sein würde, glaubt in diesem Augenblick noch niemand. Während den Angreifern Granaten aller Kaliber bis hin zu den 8-Zentner-Geschossen der Schweren Artillerie entgegenjagen, versuchen die Nebelbatterien entlang den Hängen des Fjordes einen schützenden Dunstschleier über das wertvolle Schiff zu legen, doch die Windverhältnisse verhindern, daß dies schnell genug geht.

Auch eine angeforderte Jägerstaffel der Luftwaffe, angeblich in Bardufoss gestartet, läßt sich nicht blicken, so daß das Riesenschiff ganz allein auf sich gestellt ist. Commander Tait von der Royal Air Force, sieht das Schlachtschiff aus 4000 Metern Höhe deutlich unter sich liegen, als er den Befehl zum Angriff gibt. Aus den "Lancasters" taumeln, möbelwagengroß, die neuen britischen Spezialbomben, fünfeinhalb Tonnen schwer und speziell für diesen Angriff entwickelt. Sogar die Bomber müssen für den Transport umgebaut werden, können nur ein Projektil dieser Größe laden.

Auf der "Tirpitz" hat man die furchtbare Gefahr erkannt, doch dem Kommandant, Kapitän zur See Weber,bleibt nur die Hoffnung, die Angreifer abzuschießen. Davonlaufen kann die "Tirpitz" nicht mehr. Sie liegt inmitten eines torpedosicheren Netzkastens und bildet eine ideale Zielscheibe. Es ist 9.42 Uhr, als auf dem einsamen Schiff das Inferno losbricht. Ein erster Volltreffer durchschlägt die Panzerung und detoniert im Schiffsinnern, ein zweiter läßt den Turm "Cäsar" der Schweren Artillerie auf dem Achterschiff in die Luft fliegen. Binnen weniger Sekunden bekommt die "Tirpitz" Schlagseite. Weitere Bomben schlagen unmittelbar neben dem Schiff ins Wasser. Ihre Wirkung ist noch verheerender. Durch den Explosionsdruck wird die linke Seite des Schlachtschiffes aufgerissen. Auch das vom Kommandanten angeordnete Gegenfluten bringt die "Tirpitz" nicht mehr auf ebenen Kiel. Eine schwere innere Explosion noch, dann dreht sich das Schiff um 135°, es kentert. Während die Aufbauten im Schlick des Liegeplatzes einsinken, ragen Kiel und Schiffsboden mit seiner Steuerbordseite aus dem Wasser. Es ist 9.52 Uhr.

Ganze zwei Maschinen hat die Briten dieser Angriff gekostet. Deutscherseits sind 902 Besatzungsmitglieder gefallen, ertrunken oder von den Explosionen zerrissen.

Unter den 880 Überlebenden der Katastrophe ist auch Oskar Hohmann, der sich noch rechtzeitig aus dem kenternden Rumpf befreien und an Land schwimmen konnte (siehe Interview). Andere wie Ernst Renner schaffen es nicht mehr, sondern sammeln sich in einer Luftblase des kopfüber liegenden Rumpfes. In der stickigen, von Öl- und Brandgerüchen geschwängerten Luft und bei völliger Finsternis geben sie in regelmäßigen Abständen Klopfzeichen. Herbeigeeilte Hilfsschiffe der Kriegsmarine legen an dem Wrack des Schlachtschiffes, das jetzt eher einem gestrandeten Wal ähnelt, an und versuchen, die Eingeschlossenen mit Schneidbrennern zu befreien. In den nächsten Sunden werden so noch einmal 84 Mann gerettet. Andere eingeschlossene Überlebende haben dieses Glück nicht. Bevor die Retter zu ihnen vordringen, sind sie erstickt.

Mit der "Tirpitz" haben die Briten die letzte ernste Gefahr für die alliierte Schiffahrt zwischen dem Königreich und dem russischen Eismeerhafen Murmansk beseitigt. Jetzt rollt der Nachschub für die russische Front wieder an. Großbritanniens Premier Churchill ist zufrieden, hat ihn doch stets das Mißverhältnis geärgert zwischen den vom deutschen Feind eingesetzten wenigen Schiffen und den dadurch erforderlich gewordenen umfangreichen Abwehrmaßnahmen.

Als "fleet in being" bildete das größte, jemals in Deutschland gebaute Kriegsschiff eine permanente Bedrohung, auch wenn der Schlachtriese nur selten auslief und nie gegen einen Gegner zur See kämpfen mußte. Allein eine Beschießung einer Wetterstation auf Spitzbergen steht im Kriegstagebuch, ansonsten lag die "Tirpitz" vor Anker, aufwendig gesichert, aber ohne ein festes Operationsziel. Nach den Erfahrungen mit dem Schwesterschiff, der "Bismarck", allerdings waren Churchill und seine Mitstreiter in in höchstem Maße vom Auftauchen der "Tirpitz" in norwegischen Gwässern beunruhigt. Nach dem Ausfall des Schlachtschiffes "Scharnhorst", das am 26. Dezember 1943 vor dem Nordkap durch weit überlegene britische Streitkräfte versenkt wurde, blieb der Deutschen Kriegsmarine die "Tirpitz" als einziges Schlachtschiff. Derweil die Royal Air Force immer intensiver versuchte, diesen Gegner auszuschalten. Zahlreiche Fliegerangriffe, die allenfalls die Aufbauten des stark gepanzerten Riesen beschädigten brachten aus britischer Sicht kein zählbares Ergebnis. Im Herbst 1943 dann setzte der deutsche Hauptgegner zur See auf eine neue Trumpfkarte, Kleinst-U-Boote. Ein waghalsiges Unternehmen, doch gelang es den Angreifern, die Netzsperre um das Schiff zu durchbrechen und Haftladungen unter dem Rumpf der "Tirpitz" anzubringen. Mit Erfolg. Zwar sank das deutsche Schiff nicht wie erhofft, aber durch die gewaltigen Explosionen wurde der Rumpf dermaßen verwunden, daß "Tirpitz" nur noch eine geringe Geschwindigkeit zu laufen vermochte. Weitere Angriffe führten zu einem schweren Treffer auf dem Bug sowie einem Nahtreffer am Heck, der die Schraubenwelle an Backbord völlig verbog. Ein Auslaufen des Schiffes war jetzt nicht mehr möglich. Die "Tirpitz" war zum Wrack geworden, leistete aber als Geschützplattform aus Sicht der Kriegsmarine gegen die anrückende russische Front noch wertvolle Dienste. Bis zum 12. November 1944.

Die Überlebenden des Schlachtschiffes, darunter Oskar Hohmann, mußten kilometerweit durch Eis und Schnee bis zur nächsten Meldestelle marschieren und wurden dann anderen Einheiten zugeteilt. "Tirpitz" aber blieb bis zum Kriegsende vor der Insel Haaköy liegen und wurde schließlich weitgehend vor Ort abgewrackt, wobei der Stahl größtenteils eingeschmolzen wurde. Heute treffen sich alljährlich die Überlebenden am 12. November, in aller Regel in Wilhelmshaven, da, wo das Schlachtschiff einst gebaut wurde. Selbst die Gegner von damals nehmen oft genug an solchen Treffen teil. Der Wahnsinn des Krieges hat sie letztlich zu Freunden werden lassen.